Ella kommt. Endlich!

Sie wurden in der Kulturstadt Weimar geboren. Ihr Vater ist Sänger, Komponist, Musikproduzent – dies alles rief ja geradezu nach einer musikalischen Laufbahn. War das in Ihrem Sinne, oder gab es da sehr früh auch noch andere Ambitionen?

Die Nähe, der Bezug zur Musik waren zweifelsohne immer da, ganz klar. Bereits als Kind bin ich oft im Studio gewesen, habe meinen Vater begleitet, bei der Arbeit beobachtet und dabei einiges mitbekommen. Diese Welt habe ich geliebt. Ich finde es gut, wenn Eltern ihre Kinder inspirieren mit dem, was sie tun, weil sie viel davon mitnehmen und daran wachsen können. Schon früh hatte ich ein gutes Rhythmusgefühl, studierte später Tanz, Gesang, Schauspiel an der Bayerischen Theater-Akademie, bin diesem Traum also ernsthaft nachgegangen. Schließlich wurde ich ja nicht als Sängerin geboren, sondern musste das auch erst alles lernen. Heute ist dies das Fundament, auf dem ich aufbauen kann.

Ihr Künstlername Ella setzt sich aus den Vornamen Ihrer Großmütter zusammen.

Es sind die Namen der Cousinen meiner Großmutter, Eleonore und Hella. Daraus habe ich Ella zusammengebastelt, weil ich fand, dass mein bürgerlicher Name Jacqueline nicht so gut klingt. Bei meinem Nachnamen glauben manche, es sei ein erfundener Künstlername, aber der ist tatsächlich das Erbe von Papa und für mich Ehrensache. Als wir unsere Musikproduktionsfirma „Unendlich Musik“ gegründet haben, war für mich ein wichtiger Bestandteil, diesem „Kind“ auch den passenden Namen zu geben.

Sie haben schon unglaublich viel ausprobiert: mit 14 Jahren die erste Platte, Chart-Erfolge als Teeniestar Junia Ende der 90er, Videos mit eigenen Choreografien in Los Angeles, Miami, London für VIVA, außerdem Musical- und Theater-Engagements. Aber auch Jurorin bei „Deutschland sucht den Superstar“ und sogar Zweitplatzierte bei der TV-Show „Let‘s dance“, bei der sie lange als Favoritin gehandelt wurden. War diese Teilnahme Ihr heimlicher Wunsch oder wurden Sie angeworben?

Die Ferneh-Tanzshow „Let‘s dance“ habe ich immer aus der Ferne beobachtet und fand sie grandios. Was für ein Esprit! Welch große Herausforderung! Das würde ich auch gern mal machen, dachte ich. Mich einfach mal drei, vier Monate nur dem Tanzen zu verschreiben, erschien mir unglaublich toll. Und als die Anfrage irgendwann tatsächlich eintraf – das Dreh-Team von RTL hatte mich Backstage bei einer Konzerttour überrascht und mir die große „Let‘s dance“- Karte überreicht – habe ich mich natürlich mega gefreut. Tja, alles andere ist bekannt: Ich habe einige Rekorde gebrochen, bekam fünf Mal die Höchstpunktzahl 30 – und fand das alles einfach großartig.

Dann wären Sie ja auch prädestiniert für das TV-Format „Dancing on Ice“.

Liegt ja nahe. Nein, das würde ich niemals tun. Dafür bin ich viel zu sehr mit Herzblut Sängerin, weil ich große Angst um meine Stimme hätte. Denn vermutlich würde ich mich in der kalten Eishalle permanent erkälten.

2017 markiert einen Wendepunkt in Ihrem Leben – als Mensch und als Künstlerin.

Ja, ich war 33, hatte schon ein bisschen was erlebt, auch für mich große Entscheidungen getroffen. Zum einen privat – nach sechs Jahren nicht mehr mit meinem damaligen Freund zusammen sein zu wollen. Zum anderen beruflich – das ehemalige Management aufzukündigen und die Zusammenarbeit mit einem großen Label zu beenden. Ich wollte in eine andere Qualität kommen, auf allen Ebenen. Auf diesen Weg habe ich mich komplett eingelassen. So ist das Album „Im Vertrauen“ entstanden. Das Schöne ist, ich bekomme dafür so viel zurück, für meinen Mut.

Im Zuge dieses Wendepunktes reifte auch Ihr eigenes Plattenlabel „Unendlich Musik“.

Ja, genau. Wenn man sich erst einmal ein neues System aufbaut, das unabhängig ist, kommt man nicht drum herum. Ganz klar, dass man sich dann darüber Gedanken macht, wie so ein eigenes Label aussehen könnte. Schlussendlich war es aber auch die einzige Möglichkeit, es so zu machen – im Frühjahr 2017.

Welche Pläne, Wünsche verbinden sich mit dem eigenen Label?

Nun ja, ich freue mich auf alles, was kommt, Da warten schöne Projekte auf mich, auch als Schirmherrin der Stiftung Fairplay, wo es um Menschlichkeit an sich geht. Das beschäftigt mich sehr. Damit verbindet sich natürlich das Weiterschreiben und darüber nachzudenken, ob ich im nächsten Jahr ein neues Album herausbringe oder mit dem arbeite, was ich habe. Eigentlich bin ich gerade am Sammeln von Inhalten und finde das irgendwie schön.

ella Endlich

Ella Endlich und Vater Norbert stimmen ihr Publikum auf das Fest der Liebe ein. Foto: Andreas Klein Photography

 

Die Lieder für dieses Album haben Sie alle selbst geschrieben. Wie gehen Sie an das Texten heran?

Es gibt so viele Beschreibungen, Worthülsen, Floskeln – man meint, irgendwie war alles schon da. Aber wenn man sich ernsthaft auf die Suche begibt, nach dem Eigentlichen, Echten, eben nicht den platten, ausgetretenen Pfaden folgt – und dann einen Aufhänger findet, der einen selbst überrascht, berührt, kann man Geschichten am ehrlichsten erzählen – in einem Lied. Ich kenne das. Mit gerade mal 14 kam ich in die Musikbranche, wurde stets beurteilt von anderen, war in einer Leistungssituation, wo ich irgendetwas geben musste, auf dass es funktioniert, und habe mich selbst dafür nicht genug geliebt. Darüber kann ich glaubhaft berichten.

„Für gute Texte braucht es Schlüsselmomente“, schreiben Sie. Einen solchen gab es für Sie in Afrika. Erzählen Sie doch mal!

Es war voriges Jahr in Südafrika. Ich war zum allerersten Mal in einem Nationalpark und stand in freier Wildbahn einem Löwen gegenüber. Gerade mal zwei Meter vor mir. Diese Schönheit eines echten Löwen, der in der Wildnis lebt, hat mich maßlos beeindruckt. Auch wenn das jetzt ein bisschen pathetisch klingt, ich sage es trotzdem: Dieser Anblick erinnerte mich an die Größe, die man in sich trägt. Denn dieser Löwe macht sich keine Gedanken darüber, ob er zu gefährlich oder vielleicht auch zu schön ist. Er ist einfach da. Er erscheint ehrlich in seinem Sein. Der Löwe hat mir gezeigt, wie man mit Würde und Selbstvertrauen zu sich stehen kann. Das hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, wie wir im Alltag damit umgehen und uns manchmal nur durch den Spiegel der Anderen betrachten. Dies wollte ich in einem Song beschreiben: „Gut gemacht“.

Zwei Meter entfernt. Unglaublich. Wie viel Angst war dabei?

Ich habe natürlich einen Riesenrespekt vor einem solchen Tier und bin ja selbst der größte Angsthase. Ich fahre ja nicht mal Achterbahn.

Wie unmittelbar nach diesem Moment ist der Song „Gut gemacht“ entstanden?

Das war irgendwie sofort klar. Ich habe in mich reingehört, das Erlebte textlich umgesetzt. Ich musste da nicht lange machen und tun. Wohl, weil es eine universelle Botschaft ist – und ich hab mich einfach getraut, meine Gedanken mit Musik zu unterlegen. Das Lied spricht viele Menschen an und es ist schön, so viel positives Feedback dafür zu bekommen.

2009 brachte Ihnen das märchenhafte Lied „Küss mich, halt mich, lieb mich“ nach der Filmmelodie aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ Glück. Sie waren damit sehr erfolgreich, bekamen eine Goldene Schallplatte. Umso bemerkenswerter, weil es viele Jahre zuvor undenkbar war, auf diese Komposition von Karel Svoboda einen deutschen Text zu legen.

Nun, ich habe dazu wenig beigetragen. Die Arbeit im Vorfeld war immens, denn die sieben Erben von Karel Svoboda haben die Rechte nie freigeben wollen. Einige Jahre zuvor starteten sie aber eine englische Version. Und dann kam Marc Hiller mit seinem unglaublich schönen Text „Küss mich, halt mich, lieb mich“. Den haben sich die Erben ins Tschechische übersetzen lassen – und für gut befunden! Schließlich wurde nur noch die passende Stimme dafür gesucht. Und wie es manchmal so ist im Leben, das Rätselraten in der Szene endete mit einem Anruf bei mir, weil man der Meinung war, dass ich dieses Lied gut verkörpern könnte. Ich bin dann ins Studio gegangen und habe das Lied fast in einem „First take“ aufgenommen. Im Studio gibt es ja die Möglichkeit, ein Lied unzählige Male zu singen – bis es perfekt ist. Bei diesem Lied war das nicht nötig. Es saß auf Anhieb, sozusagen auf den ersten Ton. Sicher auch deshalb, weil meine Stimme passte.

Kannten Sie vorher den Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“?

Na klar! Ich bin ja in der DDR geboren und mit den Defa-Märchen groß geworden, natürlich auch mit dieser deutsch-tschechischen Koproduktion aus dem Jahr 1973. Von daher war es eine Ehrensache für mich.

Demnach haben Sie nicht gezögert, als das Angebot kam, und sofort ja gesagt.

Ich habe vorher noch meinen Vater gefragt, weil ich seiner Meinung sehr vertraue. Er hat mir dann aber auch gesagt, es ist toll, das zu machen. Mir war allerdings nicht bewusst, dass die Leute dieses Lied derart liebevoll annehmen würden und dass die Türen so groß aufgehen.

Wo wurde das Video zum Lied gedreht?

Auf Schloss Moritzburg natürlich! Dort, wo auch der Märchenfilm gedreht wurde.

Mögen Sie das Lied immer noch gern? Sie haben es seither sicher schon unzählige Male gesungen.

Ja, das ist wirklich unzählbar und geht auf keine Kuhhaut. (lacht) Aber natürlich singe ich es immer noch gern. Und in all den Jahren habe ich mich nie versungen, nie den Text vergessen. Das Lied ist immer und überall ein Selbstläufer.

Bringen Sie das Lied auch zu Ihren diesjährigen Weihnachtskonzerten mit?

Ja, klar! Das Aschenbrödel-Lied ist wirklich Kult, es gehört seit zehn Jahren zu fast jedem Konzert, insbesondere in die Kirchenkonzerte unserer diesjährigen Weihnachtstour, die am 21. November in meiner Heimat Thüringen gestartet ist. Es wird von uns auch gut musikalisch umgesetzt. Das Schöne ist, dass wir es mit dem Publikum gemeinsam singen und dabei regelrecht spüren ist, wie gern es alle mögen.

Der Aschenbrödel-Text hätte auch aus Ihrer Feder fließen können.

Also, um ehrlich zu sein, das ist schon eine reine Märchen- und Zauberwelt, in die dieser Liedtext abtaucht. Hoch romantisch ist er obendrein. Da werden Prinzessinnen und Prinzen erwähnt ... Und wir wissen ja beide, dass dies in der Wirklichkeit nicht der Fall ist (schmunzelt). Ich finde den Text genau richtig wie er ist, aber ich selbst würde ihn heute so natürlich nicht schreiben – also als eine junge Frau, die über Liebe und Ewigkeit nachdenkt.

Hat es Sie denn je gereizt, Ihre eigene Version auf diese Melodie zu schreiben?

Das hielt ich gar nicht für notwendig, weil diese wunderschöne Märchen-Suite so erfolgreich ist, eine andere Version braucht es nicht. Aber wenn ich Balladen für meine Alben vertexte, nehme ich etwas von dem Spirit, den dieses Lied hat, mit. Grundsätzlich aber glaube ich, dass es schief geht, wenn man versucht, einem Song hinterher zu schreiben. Deshalb schlage ich lieber neue Töne an, etwa mit Songs wie „Gut gemacht“, „Fliegen und schwimmen“ oder „Geschichten“. Das sind Lieder, in denen ich schwinge als Mensch. Und wer mich näher kennenlernt, sich bei einem Bier mit mir unterhält, erkennt in diesen Texten Haltungen, in denen ich mich bewege.

Die Konzerte Ihrer diesjährigen Weihnachtstour finden fast ausnahmslos in Kirchen statt. War dies bewusst so ausgewählt?

Ja, das war Absicht. Ich hatte immer schon mal vor, mit meinem Vater ein Weihnachtsprogramm zu machen, und als ich ihn fragte, ob er sich mit mir eine Kirchentournee vorstellen könne, war er sofort Feuer und Flamme. In diesen sakralen Gebäuden wirkt Musik noch mal ganz anders. Und es geht ja um Besinnlichkeit, schöne Räume, tolle Musik und einen eher reduzierten Klang. Denn ich werde nicht mit großer Band oder einem Orchester auftreten, das ist auch gar nicht notwendig in diesen Kirchen. Dort wirkt der Ton an sich und das Zusammenspiel von mir und Papa.

Auf welches Programm kann sich Ihr Publikum freuen?

Wir bringen unsere Lieblingsweihnachtslieder mit, die uns schon ewig begleiten, und wir werden sie auf unsere eigene Weise vortragen. Aber auch Songs meines Albums „Im Vertrauen“ sind dabei, worauf sich vor allem meine Fans freuen, die sich schon zahlreich angekündigt haben. Ich bringe Lieder mit wie „Am Ende zählt das Gefühl“ oder meinen aktuellen Song „Geschichten“, der den Mauerfall-Bezug hat, ein Thema, das momentan sehr präsent ist und sehr häufig im Radio läuft.

Haben Sie als Kind auch schon mit Ihrem Vater zusammen unter dem Weihnachtsbaum Lieder gesungen?

Natürlich. Mit meinem Vater habe ich ja schon immer zusammen Musik gemacht. Das ist auch das, wovon wir erzählen. Und die Weihnachtszeit mag ich besonders, wobei ich gerade in den Wochen vor dem Fest wahnsinnig viel zu tun habe – zumindest war dies in den vergangenen zehn Jahren so. Mit dem Erfolg kam eben immer stärker das Bedürfnis, mich auf der Bühne stehen und singen zu hören, insbesondere Weihnachtslieder. Da komme ich dann manchmal selbst gar nicht so recht in diese heimelige Advents-Stimmung, weil ich so viel am Rumreisen bin. Aber in diesem Jahr soll alles anders sein. Mit unserer Weihnachtstour will ich auch meinem Vater und mir ein schönes Geschenk machen. Zum einen natürlich, dass wir diese Tournee gemeinsam machen. Zum anderen wollen wir es gemächlich angehen lassen.

Wie muss man sich das vorstellen? Es sind immerhin 20 Konzerte bis Ende Dezember.

In jeder Stadt gönnen wir uns ein gemütliches Hotel, gehen abends schön miteinander essen, schlendern am nächsten Morgen über den Weihnachtsmarkt und fahren dann in die nächste Stadt. Diese Konzert-Reise wollen wir als eine Vater-Tochter-Erlebnistour zelebrieren und keine Ochsentour daraus machen, bei der man nur von der einen Kirche zur anderen jagt. Da gibt es also viel Vorfreude, Spannung und Besinnlichkeit auch bei uns beiden.

Haben Sie schon in früheren Jahren mit Ihrem Vater auf der Bühne gestanden?

Aber ja. Wir haben zum Beispiel kleine Konzertabende gegeben. Mein Vater hat auch schon viele Sachen für mich produziert. Und weil wir uns in- und auswendig kennen, gründeten wir später unsere Musikfirma. Das Duett zum Weihnachtskonzert mag für die Leute neu erscheinen, für uns aber ist es ein alter Hut. (lacht)

Was macht das Besondere aus, mit ihm gemeinsam dies alles zu erleben?

Erst mal ist das Vertrauen da. Wir zwei müssen nicht lange reden, haben den gleichen Puls, schwimmen auf einer Wellenlänge – das spüren wir immer wieder. Gerade jetzt in den Vorproben fällt uns das auf. Ich komme mit vielen Musikern in Berührung, habe ja auch meine eigene Band. Aber von meinem Vater, der mich fühlt und atmet, musikalisch begleitet zu werden, das ist noch einmal etwas ganz anderes.

Gibt es ein Lied, das Sie bei dieser Kirchen-Tour besonders gern singen?

Ja, es gibt ein Lied, mit dem ich doch noch mal ein Ausrufezeichen setzen möchte. Das ist der letzte Song dieses Konzertes: „Gut gemacht“. Diesen würde ich meinem Publikum besonders an Herz legen und gern mit auf den Weg geben. Also, darüber noch mal nachzudenken, Werte nicht im Äußeren zu suchen, sondern im Inneren. Meinem Ich zu sagen: Ich erkenne mich, für das, was ich bin. Ich begehre nichts weiter zu sein, als das, was ich bin – das ist mir genug und das größte Geschenk. Eine Botschaft, die ich gerade in diesen bevorstehenden Weihnachtstagen musikalisch senden möchte.

 

Interview von: Gerlinde Bauszus

Quelle: Nordkurier

Fotos: Felix M. Weber & Andreas Klein Photography

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