Von wegen „taube Nuss“: Ein Geschenk der Liebe

Der Haselstrauch gehört seit alters her zu den heiligen und verehrten Pflanzen. Er ist auch in Mecklenburg weit verbreitet – in Wäldern und Gehölzen, in Parks und Gärten, in Hecken und Rainen. Er gilt neben Holunder und Wacholder als sehr volkstümlicher Strauch. Vor allem das frühe Blühen, gelegentlich schon im Februar, die Bekömmlichkeit der Nüsse, die Bedeutung der Haselruten und Haselstöcke, die biegsamen Zweige als Flechtwerk – das machte die Haselnuss zu einer in früheren Zeiten hochgeschätzten Pflanze.

Hierzulande galt die Haselnuss als ein wichtiges Heilmittel gegen das Fieber. Dazu musste die Nuss in zwei Teile zerlegt und der Kern entfernt werden. In die leere Schale kam eine lebende Spinne, die Nuss wurde wieder mit einem Faden dreimal geknotet, verschlossen und dann um den Hals gelegt, sodass die Nuss mit der Spinne gerade die Herzgrube berührte. Nach zwei Tagen übergab der oder die Kranke die Nuss einem fließenden Gewässer und das Fieber war vergangen.

Auch im Hexenglauben, der sich in Mecklenburg recht lange hielt, spielte der Strauch eine Rolle. Hierüber gab es ein Bekenntnis einer der Hexerei beschuldigten Frau. Nach einem Rostocker Ratsprotokoll aus dem 16. Jahrhundert hatte eine Frau namens Gertrud Schwarthe bekannt, dass sie zwei Haselruten benutzt habe, um festzustellen, ob es mit einem Kranken gut oder böse stehe.

Andererseits sollte der Strauch ein Mittel gegen Zauber und Hexerei sein und besondere Kräfte vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang entfalten, um bösen Zauber abzuwenden.

Kätzchen sollten angeblich Pferde und Kühe stärken

Bei Haustieren konnte die Blüte Gutes bewirken. In Hanstorf bei Doberan mischten die Bauern ihren Pferden Blütenkätzchen unter das Futter, um diese mutig und starkzumachen. Bei den Kühen sollte Gleiches bessere Milcherträge ergeben.

Schließlich sei an die plattdeutsche Volksüberlieferung erinnert: „De Wünschelraud mütt Johannisdag von ’ne Hassel schneden warden“ und an eine Passage in Brinckmans Roman „Kasper Ohm un ick“, wo die vielen Haselnusssträucher in Mönkweden bei Rostock erwähnt werden.

Mit der Haselnussrute oder einem Blatt von dem Strauch glaubte man zudem, sich vor Schlangenbissen schützen zu können. Andere Methoden in der Volksmedizin war die blutstillende Wirkung eines frisch geschnittenen Zweiges oder die Bekämpfung der Warzen damit. Haselstöcken und -ruten wurden ferner wichtige Eigenschaften zugeschrieben – sie halfen gegen Geister und Vampire und sollten Gefahren auf langen Wegen, Wanderungen und Kriegszügen abwehren. Bei all dieser Bedeutung blieb es nicht aus, dass die Nuss im Märchen vorkommt wie in „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ oder „Nussknacker und Mäusekönig“. Das Aschenbrödelmotiv ist seit der Antike bekannt und in etwa 400 Variationen in der ganzen Welt verbreitet.

Zahlreich sind die Sprichwörter, darunter das wohl bekannteste „Gott schenkt die Nüsse, aber er knackt sie nicht“. Außerdem: „Muss ist eine harte Nuss“, „Mit jemanden ein Nüsschen zu knacken haben“, „Jemand eins auf die Nuss geben“ oder „Du bist eine taube Nuss“ für jemanden, der nichts kann oder in einer Sache versagt hat.

Verbotene Liebschaft wurde umschrieben

Bemerkenswert ist, dass die Haselnuss aufgrund ihrer Lebenskraft und Fruchtbarkeit mit Liebe und Erotik in Zusammenhang gebracht wird, vielleicht auch deswegen, weil oft zwei Nüsse innig zu einem Paar zusammengewachsen sind. Mit jemanden „in die Haseln gehen“ bedeutete, die verbotene Liebe zu genießen, seinen Liebsten oder seine Liebste heimlich zu besuchen. Zudem wurden Haselstauden zum Liebes- und Eheorakel benutzt. Eine besondere Eigenschaft schrieb man dem Haselstock zu: Er lässt Kraftströme fließen. So entstand die Wünschelrute, mit der man auf Suche nach Schätzen, Metalladern und Quellen ging und gelegentlich fündig wurde. Die Wünschelrute hat sich bis in die Gegenwart erhalten.

Weihnachten ohne Hasel- und Walnüsse, das gab und gibt es wohl nicht in Mecklenburg. Nüsse galten als ein Geschenk der Liebe. Vor gar nicht langer Zeit noch mit Gold- und Silberpapier umwickelt, waren die Nüsse eine Zierde an jedem Weihnachtsbaum. Fritz Reuter beschreibt in seiner „Stromtid“ einen Weihnachtsabend in einem mecklenburgischen Pastorenhaus, wo auf dem Gabentisch neben Äpfeln und Pfeffernüssen auch richtige Nüsse lagen.

Zu Silvester gab es diesen Brauch: Zwei junge Verliebte knacken eine Walnuss, stellen in jede Hälfte ein winziges Wachslicht und setzen diese in eine Schale mit Wasser. Berühren sich dann beide „Gefährte“, wird es eine Hochzeit des jungen Paares geben. Versinkt aber eine Hälfte, gibt es ein Unglück.

von Peter Gerds

Bilder: Silke Heyer
Repro: www.biolib.de

 

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